Philosophischer Arbeitskreis 2001

Margaretha Rebecca Hopfner

Thesenpapier

Thema: Reinkarnationsforschung

Textgrundlage - Mischo, Johannes: Methodenprobleme der empirischen Reinkarnationsforschung. In: II. Kochanek (Hrsg.): Reinkarnation oder Auferstehung. Freiburg/Br. 1992.

A. Worum geht es?

  • Reinkarnationsforschung ist als Zweig interdisziplinärer wissenschaftlicher Forschung anzusehen (Psychologie, Parapsychologie, Soziologie, Kulturwissenschaft, Anthropologie, Ethnologie, Religionswissenschaft etc.)

  • Da es sich bei der Reinkarnationsforschung um eine wissenschaftliche Disziplin handelt, hat sie sich in ihrer Methodik des Erkenntnisgewinns, dem Weg, wie sie eben zu ihren Erkenntnissen, ihren so genannten "wahren/falschen Aussagen" bzw. Systemen von "wahren/falschen Aussagen" gelangt, an wissenschaftliche Spielregeln zu halten.

  • Zu den wichtigsten dieser Spielregeln, der systematischen Vorgangsweise, zählen u.a. die Verwendung einer kohärenten Terminologie, die genaue Dokumentation sämtlicher Arbeitsschritte, Einbeziehung aller zugänglichen Perspektiven, die im Zusammenhang mit der Ermittlung der Sachverhalte Bedeutung erlangen sowie Interpretation und Schlussfolgerungen nach standardisierten Regeln (Diskussion sämtlicher verfügbarer Perspektiven, logische Konsistenz etc. ...)

  • Ziel ist ein logisch konsistenter Aussagenzusammenhang sowie dessen intersubjektive Überprüfbarkeit, Nachvollziehbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse inklusive all jener Schritte, die zu diesen Erkenntnissen geführt haben.

  • Hinsichtlich der Erforschung von Reinkarnationserfahrungen, der von Menschen behaupteten Erfahrung der - in welchen Formen auch immer - stattgefundenen Wiedergeburt stößt die wissenschaftliche Methodik zumeist sehr rasch an ihre Grenzen. Mischo zitiert einen Forscher: „Wie sollen wir nur mit den vielen Angaben umgehen, die wir nicht verifizieren können?"

  • Ziel der Reinkarnationsforschung als seriöser Wissenschaft kann es meines Erachtens nicht sein, Reinkarnationen wissenschaftlich zu beweisen – und dies, obwohl als Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Arbeit - z.B. von Stevenson - die sog. Reinkarnationshypothese
    dient -, sondern lediglich jene Phänomene und Zusammenhänge interdisziplinär zu dokumentieren, zu beschreiben und zu analysieren, deren Grundlage die Aussagen von Menschen über die von ihnen jeweils so gedeuteten Reinkarnationserfahrungen sind.

B. Zusammenfassung wesentlicher Aspekte des Aufsatzes von Mischo

Ausgangpunkt ist die sogenannte Reinkarnationshypothese

1. Methoden der Datengewinnung

  • hypnotische Rückführung: häufig in Verbindung mit Reinkarnationstherapien, quantitativ hohe Bedeutung, Hypnoseschulen von Paris und Nancy seit ca. Mitte des 19.Jh.s, gesellschaftlicher Relevanzgewinn für das Thema seit den 50er-Jahren (Veröffentlichung von M. Bernstein (1956); Kritik aus Sicht der heutigen Hypnoseforschung - sie fordert die Diskussion u.a. der Faktoren Suggestibilität der hypnotisierten Person, Dissoziation, d.h. ,Abspaltung einzelner psychischer Komplexe", Rollenspiel (d.h. hypnotisierte Person erfüllt Erwartungshaltung und "spielt" die zugedachte Rolle zu gut als möglich), Kontrollverlust (d.h. logische Inkonsistenz des Ich-Bewusstseins)

  • spontane Erfahrungen und Berichte

  • Readings (Zuhilfenahme eines Mediums)

  • Meditation (spontan auftretende Bilder, Wurzeln im Hinduismus und Buddhismus)

  • Serienträume (stereotype Wiederholung eines Themas, häufig mit albdruckartigem Charakter)

  • Déjà-vu (Erfahrung, neu Erlebtes schon zu kennen bzw. "wieder" zu erkennen; allerdings gibt es hier bereits neurologische Erklärungsansätze in der modernen Hirnforschung)

2. Die Überprüfungsstrategie von J. Venn und deren Ergebnisse

  • methodische Voraussetzungen: möglichst hohe Anzahl von Informationen, die verifiziert bzw. falsifiziert werden können, Angaben aus Hypnose sollten historisch überprüfbar sein, Aufzeichnung der Hypnosesitzungen auf Video oder Tonband, Abschluss der Durchführung und Dokumentation von Hypnosesitzungen vor Beginn der Begleituntersuchungen,  Berücksichtigung aller zusätzlich zugänglichen Informationsquellen (Archive, Feldstudien, Befragungen etc.)

3. Wissenschaftliche Erklärungshypothesen hypnotischer Rückführungen in frühere Leben

  • Kryptomnesie: gespeicherte, aber vergessene Gedächtnisinhalte

  • Dramatische Ausgestaltung von Gedächtnisfragmenten mit schöpferischer Fantasie

  • Entdeckung der kryptomnestischen und wunscherfüllenden Funktionen des Unbewussten

  • bei Th. Flournoy (1900): spiritistische und profanisierte "Inkarnationen"

  • Auftreten neuer "Persönlichkeiten"

  • kann sog. außersinnliche Wahrnehmung (ASW) als Beweis für ein unerklärliches Wissen sog. Reinkarnierter gelten?

4. Ian Stevensons Ansatz: Spontane Berichte von drei- bis siebenjährigen Kindern und deren Überprüfung in unterschiedlichen Kulturbereichen

  •  Muster spontaner Reinkarnationsberichte

  • der "perfekte", allerdings konstruierte Reinkarnationsfall

C. Persönliche Anmerkung

  • Vorstellungen über Reinkarnation halte ich - jenseits wissenschaftlicher Argumentation und v.a. historisch betrachtet wesentlich älter als diese - für eine jener Antworten, die Menschen in den verschiedensten historischen Perioden und sozio-kulturellen "Umwelten" auf die geistige Herausforderung des Todes, der Hinfälligkeit und Vergänglichkeit dieses ihres Lebens gefunden bzw. "erfunden" und geschaffen haben. Sie sind eines jener geistigen Konzepte, welche die menschliche Existenz über die Todeszäsur, den Exitus hinaus verlängert sehen, welche die augenfällige Zerstörung des körperlich wahrnehmbaren Vorhandenseins in den so genannten geistigen Bereich transzendiert und somit eine Kontinuität des Lebens sicherstellt.

  • Möglicherweise ist es gerade die Sicherstellung dieser "Kontinuität des Lebens", welche dazu angetan und hilfreich ist, das zeitlich begrenzte, vergängliche Leben hier und heute mit all seinen unausweichlichen Implikationen (z.B. Frage nach dem Leiden etc.) als sinnvoll und zielgerichtet zu erleben.

  • Zur Reinkarnationsforschung möchte ich feststellen, dass ich beeindruckt von Stevensons Arbeiten mit kleinen Kindern bin, die mitunter gegen den heftigsten Widerstand ihrer unmittelbaren Bezugspersonen (Eltern) ihre Berichte geben. Letztlich bleibt aber für mich die Antwort auf die Frage, ob Reinkarnation stattfindet, dennoch eine des "Glaubens". Reinkarnation ist für mich weder eine wissenschaftlich erhärtete noch erhärtbare Tatsache. Wissenschaftlich gesprochen, die Reinkarnationshypothese kann nicht verifiziert werden.

  • Möglicherweise berühren wir mit diesen Fragen aber gerade jene Bereiche menschlichen Lebens, die sich dem wissenschaftlichen Zugriff entziehen. Sollten wir das vielleicht einfach anerkennen?
    "Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. (...)
    Und in diesem Argumentationszusammenhang gilt dann:
    "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."
    LUDWIG WITTGENSTEIN
    Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Suhrkamp:F.a.M. 1980.

  • Wenn ich nun an eine Form der Reinkarnation oder der Transzendierung meines Lebens über den Tod hinaus "glaube", dann bin ich auch nicht mehr verpflichtet, "wissenschaftlich" zu argumentieren und kann mich in weiterer Folge innerhalb meines "Glaubensgebäudes" meiner "Intuition" überlassen.

  • Wissenschaftliche Methodik und intuitive Vorgehensweise dürfen m.E. nicht wahllos ineinander geschoben werden, um Erklärungen zu komplettieren. Ich persönlich trenne ganz einfach: Hier ist die Welt der Wissenschaft, und da beginnt die gedankliche Welt meines "Glaubens"gebäudes. Und ich nehme mir die Freiheit und "leiste" mir beides.

D. Begriffsklärungen


Empirie: Erfahrungswissenschaft - Quelle der Erkenntnis sind Beobachtung und Erfahrung, das wissenschaftliche Experiment; empirisch: aus der Beobachtung, Erfahrung, dem Experiment gewonnen.
Anthropologie: Wissenschaft vorn Menschen und seiner Entwicklung in natur- und geisteswissenschaftlicher Hinsicht.
Hypothese: Wissenschaftliche Annahme, Ansicht, Behauptung
Verifikation/Falsifikation: Aussagen werden mittels wissenschaftlicher Methoden als "wahre" bzw. "falsche" Aussagen erkannt. Verifikation: Durch Überprüfung die Richtigkeit einer Hypothese bestätigen. Falsifikation: Durch empirische Beobachtung oder logischen Beweis widerlegen.

Margaretha Rebecca Hopfner, Wien, 1991 bis 2005

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