Margaretha Rebecca Hopfner

„Anonyme Geburt“ und „Babyklappe“: Überlegungen einer Adoptierten

     Mediale Horrormeldungen, denen zufolge Neugeborene von ihren offenbar restlos verzweifelten und unter Schock stehenden Müttern nach der Geburt getötet, noch lebend aus dem Fenster in einen Hinterhof geworfen, in einem Müllcontainer oder an einem andern Aufsehen erregenden Ort deponiert werden, verursachen Wogen nationaler Empörung und zugleich Flutwellen scheinbar altruistischer Hilfsbereitschaft über sämtliche ideologische und Parteigrenzen hinweg. In seltener Eintracht steht nun in einer Zeit politischer Polarisierung und tief greifenden gesellschaftlichen Dissenses in unserem Land eines fest: Hier muß eingegriffen, geholfen, Leben gerettet werden, nämlich das eines „unschuldigen“, winzigen und offensichtlich unerwünschten Kindes. Hier kann sich so ziemlich jeder „im Interesse des Kindeswohles“ für eine „gute Sache“ einsetzen, sich als „Guter“, ja gar als „Heilsbringer“ profilieren und den von der Gesellschaft dafür bereitgehaltenen Lorbeer ernten. Die Geschichte ist voll von Auftritten bedeutender Persönlichkeiten, geistlicher wie weltlicher, die ihr öffentliches Erscheinungsbild durch den gemeinsamen Auftritt mit Kindern und ihren Einsatz für Kinder in einen Glorienschein tau chen und sich auf diese Weise gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung verschaffen. Nichts ist leichter als gerade das, für jeden, der dies will!

     Und weil sich hier zu Lande Politiker, Bischöfe, Vertreter von privaten, kirchlichen und staatlichen Institutionen, Mediziner, Adoptionsexperten und andere mehr lautstark in die Diskussion einschalten, kaum aber tatsächlich Betroffene selbst zu Wort kommen oder das Wort ergreifen, Personen, die als Kinder—unter welchen Umständen immer—von ihren leiblichen Müttern ausgesetzt oder aber bewußt zur Adoption freigegeben wurden, weil diejenigen Frauen nicht befragt werden, anonym oder öffentlich, die einst in einer für sie äußerst dramatischen und schwierigen Situation diesen Schritt gesetzt haben und nicht zuletzt, weil kaum eine Stimme zu vernehmen ist von Adoptiveltern, jenen Menschen, die solche Kinder aufgenommen und großgezogen haben, weil also die unmittelbar Betroffenen in dieser österreichischen und vielleicht gerade deswegen typisch österreichischen Diskussion einfach ausgeblendet bleiben, deshalb melde ich mich zu Wort:

     Ich selbst bin Adoptierte und habe eine auch für hiesige Verhältnisse einigermassen bewegte Adoptionsgeschichte absolviert. Ich konnte meine leiblichen Eltern kennenlernen. Ich spreche zu diesem Thema ausschließlich als vom Thema Adoption und „Inkognito“ unmittelbar Betroffene, ich spreche nur für mich selber, Analyse und Interpretation dazu erstelle ich auf Grund meiner persönlichen Geschichte und der daraus resultierenden subjektiven Perspektive. An keinem Punkt erheben meine Aussagen generalisierenden Anspruch. Mir ist in der Zwischenzeit klar geworden, daß es unterschiedlichste Typen von Biografien Adoptierter gibt, daß jede/r Adoptierte den je eigenen Weg durch seine persönliche Lebensgeschichte geht und sie mit dem ihm zur Verfügung stehenden individuellen kreativen Potenzial gestaltet, wie dies eben für alle Menschen gilt.

     Ich gehöre glücklicherweise zu jenen Adoptierten, die auf sehr positive Erfahrungen mit ihren Adoptiveltern zurückblicken können, demgegenüber allerdings auch auf sehr negative Erfahrungen, was das Verhalten des weiteren gesellschaftlichen Umfeldes anlangt. So sehr meine Adoptiveltern, die ich nach wie vor als meine „richtigen Eltern“ ansehe, bemüht waren, mich als ebenbürtiges und gleichwertiges Mitglied ihrer Familie heranwachsen zu lassen, so energisch wurde dieses Bemühen von Teilen ihrer Verwandtschaft und Nachbarschaft, von Freunden und weiteren gesellschaftlichen Kreisen direkt und indirekt hintertrieben. Zunächst blieb ich im Glauben, das leibliche Kind meiner Adoptiveltern zu sein, bis zu dem Zeitpunkt, als ich im Nachbarhaus durch einen unsanften Nebensatz erfuhr, daß ich auch „nur“ angenommen sei, also—implizit ausgesprochen—weniger wert, mit dem Makel des Ausgesetztseins behaftet, ein Bastard, den man nicht wollte, nirgendwohin zugehörig, kurz: eine „Frucht der Sünde“. Die Nachbeben jenes Schockes, der durch diese beiläufige Mitteilung ausgelöst wurde, spüre ich nach nun beinah vierzig Jahren immer noch. Merkwürdigerweise habe ich mich jedoch zu keinem Zeitpunkt, also bis zum heutigen Tag, von meinen Adoptiveltern belogen und hintergangen gefühlt, so sehr fühlte und fühle ich mich als ihre Tochter.

     Ich will nun nicht allzu differenziert auf meine Biografie eingehen, aber im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Diskussionsthema „anonyme Geburt“ und „Babyklappe“ ist es mir sehr wohl ein großes Bedürfnis, einige Aspekte meines zunächst für mich und mein Umfeld gegebenen Inkognito-Status darzulegen. Da ich nun tatsächlich lange Jahre keinerlei Ahnung hatte über die Hintergründe, die zu meiner Adoption führten, nicht wußte, wer meine leiblichen Eltern, was für Persönlichkeiten sie waren, wie sie hießen, wie sie aussahen, aus welchem gesellschaftlichen und familiären Hintergrund sie stammten, und so fort, konnte buchstäblich „alles“ möglich sein. Dies galt für mich und natürlich auch für die Menschen, mit denen ich im Lauf meines Lebens zusammenkam und die Kenntnis von der Tatsache meiner Adoption hatten. Demnach hätte ich das Kind von Bettlern und Verbrechern ebenso sein können, wie der illegitime Sproß einer vornehmen Familie. Jeder Mensch konnte in mich hineinprojezieren, was immer er wollte, der „Gute“ das in seinen Augen Gute, der „Böse“ seine niederträchtigsten Gedanken. Und ich war diesen Zuschreibungen ausgeliefert, und zugleich war ich ausgeliefert meinen eigenen diesbezüglich uferlosen Fantasien. Da es in unserer Gesellschaft eine beträchtliche Anzahl von Menschen gab und immer noch gibt, die zum Beispiel so genannt „kriminelles“ (auf „Kriminalität“ als gesellschaftliche Konstruktion will ich hier nicht eingehen) und so genannt „asoziales“ Verhalten für vererbbar hielten und halten, hat bei mir zum Beispiel bewirkt, daß ich mich qualvolle Pubertätsjahre lang gefragt habe, ob ich selber disponiert sei, zwangsläufig eine „Verbrecherin“ werden zu müssen. Bis zum Zeitpunkt des Kennenlernens meiner leiblichen Eltern habe ich mich zudem—bedingt auch durch den frühen Tod meiner Adoptiveltern—zutiefst dafür schuldig gefühlt, überhaupt am Leben zu sein, gespeist war dieses existenzielle Schuldgefühl wohl auch durch meine Annahme, ich sei auf immer und ewig zu Dank verpflichtet, weil ich „aus der Gosse“ in lichtere gesellschaftliche Regionen gehoben worden war.

     Erst die Begegnung mit meiner leiblichen Mutter und mit meinem leiblichen Vater—die Geschichte dieser Reunions bleibt hier ebenfalls ausgespart—hat mich von dieser von mir so empfundenen ungeheuren Schuldenlast befreit, denn nun wußte ich, wer tatsächlich dafür verantwortlich ist, daß ich in dieser Welt existiere. Erst die Begegnung mit meinen leiblichen Verwandten hat mir das Gefühl gegeben, so wie alle Menschen geboren und nicht vom Himmel gefallen, „vom Storch vorbeigebracht“ worden zu sein, eingebettet zu sein in die Generationenabfolge alles Lebendigen hat mir ein Gefühl tiefer Verankerung in der Welt des rein sozio-biologischen Seins, in den Grundfesten dieser Welt also, vermittelt. Diese Begegnung hat mich befreit von existenzieller Beliebigkeit, dem Gefühl, als Partikel im interstellaren Raum allein durch ein kaltes und finsteres Universum zu schweben. Auch mußte ich feststellen, wie sehr mich die Sozialisation, das Aufwachsen bei meinen Adoptiveltern in meiner Persönlichkeit, meinen moralisch-ethischen Werthaltungen geprägt hat, in wie vielen Bereichen ich so ganz und gar die Tochter meiner Adoptiveltern geworden bin. Hingegen—unter anderem auch wegen des letztgenannten Grundes—hat mich das Kennenlernen nicht befreit von den psycho-sozialen und sozio-historischen Implikationen meines Fremdseins, im Gegenteil, diese wurden sogar noch dadurch verstärkt, als ich mich im Zuge des weiteren Kennenlernens meiner leiblichen Verwandtschaft abermals als „Draußenstehende“ wieder gefunden und erlebt habe.

     Meine Existenz- und Identitätskonstellation ist — insgesamt gesehen — vielleicht noch komplizierter geworden, aber sie ist nicht mehr durchdrungen von anonymen Bezirken, leeren Räumen, Erlebnissen, die zwar im Unterbewußtsein abgespeichert sind, in scheinbar unmotivierte Handlungen oder gar Albträume einfliessen und die nicht zugeordnet werden können. Ich habe Antworten auf wichtige meiner Lebensfragen erhalten, und ich kann, wenn ich es will und für nötig erachte, meiner Umwelt auf ihre Fragen antworten, fantastischen Vermutungen bzw. unverschämten Zumutungen innerlich, aber auch im direkten Gespräch meine Erkenntnisse, mein Wissen entgegenhalten. Ich kann viele meiner Handlungen, Gefühle, Träume nun einordnen und zum ersten Mal in meinem Leben kann ich Distanz zu anderen Menschen installieren und auch halten. Meine Identitätsgrenzen sind nicht mehr permanent durch haltlose Fantasien zu meiner Person von mir selber oder anderen Menschen einsturzgefährdet, sie halten stand und geben mir endlich ein Gefühl von Sicherheit. Mit einem Wort, ich bin ruhiger geworden!

     Zurück aber zur anonymen Geburt: Die Anonymisierung des Ursprungs (ich verwende ganz bewußt nicht die hier mehrheitlich in Gebrauch stehenden Begriffe wie „Herkunft“, „Wurzel“ usf., da sie mir schlicht nicht angemessen und präzise genug erscheinen und ein breites Assoziationsspektrum sozio-historischer Provenienz zulassen) eines Menschen kommt meines Erachtens einem totalen gesellschaftlichen Übergriff an diesem Menschen und ebenso seiner totalen subjektiven Entwürdigung gleich. Dieser Mensch wird durch diese Anonymisierung zum Objekt degradiert und zu einer Art „black box“, in die—vereinfacht gesagt—alles zwischen allem und nichts hineinprojeziert und von der so gut wie alles zwischen allem und nichts erwartet werden kann.

     Ein Gemeinplatz ist die Feststellung, daß wir als Menschen historische Wesen sind, wir konstruieren unsere individuelle und kollektive Identität immer durch einen Verortungsprozeß in unserer individuellen und kollektiven Geschichte. Unsere Historizität spiegelt sich in allen unseren Handlungen wieder, in welchem Bereich auch immer, auch in jenen, die in unsere Zukunft hineinreichen. Ein anonymisierter Mensch ist für immer jener Möglichkeit beraubt, Antworten auf Fragen zu finden, die für die meisten Menschen eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit darstellen: Fragen nach dem Aussehen der nächsten leiblichen Verwandten, ihren Namen und weiteren Daten, die Frage nach der Geschichte der eigenen Menschwerdung. Und vielleicht ist gerade diese Selbstverständlichkeit mit ein Grund für die bei so vielen Menschen erkennbare Sorglosigkeit im Umgang mit so grundsätzlichem und für einen Menschen im wahrsten Sinn des Wortes grundlegendem Wissen wie das über den eigenen Ursprung, wie wir sie in der Diskussion um die anonyme Geburt und deren angestrebten Praxis erleben. So sei an dieser Stelle zwar ausdrücklich das Bemühen von Menschen gewürdigt, die helfen wollen, die vielen, die im stillen Gutes zu tun beabsichtigen und dies auch stets getan haben. Aber auch diesen Menschen lege ich ans Herz, sich all diese Fragen und Probleme möglichst differenziert und genau anzusehen, wenn es ihnen wirklich um das vielzitierte „Kindeswohl“ und die immer wieder bemühte „Würde des Menschen“ geht, wozu auch sie verpflichtet werden.

     Der Übergriff am „anonymen Menschen“ findet auf sämtlichen Ebenen statt, sein Leben wird zum „Planquadrat“ jedweder Ambition. So erhält er eine neue Identität, wird sein psycho-soziales Design geschaffen, werden ihm Handlungsspielräume vordefiniert. Und der Anonyme ist dem allem restlos ausgeliefert, seiner historischen Dimension als Mensch beraubt, gezwungen, sich innerhalb der vorgegebenen Koordinaten zu bewegen, gefangen im Territorium seiner Schöpfer.

     An dieser Stelle gebe ich bewußt zu bedenken, daß wir in einer Epoche leben, in der wir über ein medizinisch-technisches Potenzial verfügen, welches uns schon so manche bisherige Schranke auf dem Weg zu Schwangerschaft und Geburt überwinden läßt: künstliche Befruchtung, In-Vitro-Fertilisation, Leihmutterschaft; ein Potenzial, das uns jetzt schon über den Weg der pränatalen Diagnostik gesundes („lebenswertes“) von krankem („lebensunwertem“) Leben unterscheiden und über Abtreibung selektieren („ausmerzen“) läßt. (Ja, wer denkt hier nicht unwillkürlich an Auschwitz, an Hartheim ...?) Auch das Geschlecht kann ja bereits im frühesten Schwangerschaftsstadium festgestellt und der ungeborene Mensch auf diese Weise einer geschlechtsspezifischen Selektion zugeführt werden, wie dies—so las ich jedenfalls—im großen Stil in manchen Ländern der Dritten Welt praktiziert werden soll.

     Nicht weit entfernt sind wir vom geklonten Menschen, vom vorgeburtlich genetisch designten Menschen. Und all diese Menschen sind dann auf psycho-sozialer und intellektueller Ebene für immer herausgerissen aus den noch mehrheitlich vorhandenen identitätsstiftenden Verankerungen. Auch hier würde wohl im extremsten Fall das Diktat der Anonymität lästige Fragen nach Ursprung, Geschichte etc. hintanhalten oder gänzlich ausschalten helfen; denken wir da an das Beispiel eines Kindes von genetisch designten Samen- und Eispendern, In-Vitro fertilisiert, von einer Leihmutter ausgetragen. Die wissenschaftliche, medizinische und gesellschaftliche Entwicklung drängt zwangsläufig nach einer Neudefinition des Menschen, der menschlichen Person (Diese Diskussionen finden ja bereits statt!), sie verlangt geradezu nach Entgeschichtlichung dieses Menschen, nach seiner gezielten Entwurzelung aus traditionellen identitätsstiftenden Gefügen.

     Und auf diesem Hintergrund erhält der Ruf nach anonymer Geburt einen neuen Klang, wird mit ihm ein generalisierender Ruf von Teilen der heutigen Gesellschaft nach dem frei modellierbaren Menschen für mich ebenso hörbar, der Ruf nach vollständiger Verfügungsgewalt über den Menschen, einem Zugriff, dem nichts an diesem Menschen sich mehr entziehen darf. Anonym Geborene, anonymisierbare Menschen liegen also durchaus „im Trend der Zeit“.

     Ich habe von „Würde“, genauer von der „Würde des Menschen“ gesprochen. Auch dies ist ein gern und vielfach gebrauchter Topos und wohl auch deshalb ein stark verbrauchter Begriff. Dennoch verwende ich diesen Begriff ganz bewußt und halte mich an ihm fest. Ich poche auf meine Würde, und tue dies mit Nachdruck! Was aber bedeutet für mich diese Würde, auf die ich so ganz und gar nicht verzichten will, an welchem inhaltlichen Gefüge befestige ich ihren mir unverzichtbaren Wert? Nun, da gibt es wichtige Eckpfeiler: Zum einen ist dies die Deklaration der Menschenrechte, jene universal für alle Menschen geltende Grundsatzerklärung der Vereinten Nationen, die auch mir den Besitz von elementaren Rechten zugesteht, mir Handlungsspielraum gewährt und mich somit mit der Würde dieses Besitzes auszeichnet. Und die auf der Menschenrechtskonvention basierende UN-Kinderrechtskonvention von 1989 umschreibt in Artikel 7 und Artikel 8 — so weit dies im Rahmen des Möglichen gewährleistet werden kann — das Recht eines jeden Kindes auf die Feststellung seiner Herkunft/Identität. Und allein die Tatsache, daß diese Bestimmung auf diese Weise implizit in den Menschenrechtskanon Eingang gefunden hat, drückt schon ihre fundamentale Bedeutung für den einzelnen Menschen aus. Schon aus diesem Grund scheint mir jede gesetzliche Regelung, die—wenn auch ausschließlich unter genau definierten Ausnahmebedingungen—die Anonymisierung eines Menschen hinsichtlich seiner Ursprungsidentität aktiv festschreibt, ein Verstoß gegen ein Menschenrecht zu sein und den davon betroffenen Menschen in dieser im daraus resultierenden Würde zu verletzen.

     Wurde dieser anonymisierte Mensch doch unwiderruflich eines Menschenrechtes beraubt und dies noch dazu auf legaler Basis, er ein für alle Mal außer Stande gesetzt, durch sein eigenes Handeln diesen existenziellen Mangel zu beheben und seine Ursprungsidentität, die Geschichte seiner Existenz im Hier und Heute zu ergründen.

     Mit Würde assoziieren wir zudem Begriffe beziehungsweise moralisch-ethische Einstellungen wie Respekt und Achtung, ja gelegentlich sogar Ehrfurcht. Würde kann mitunter auch als Ausdruck einer gewissen Erhabenheit über den Willen der anderen gesehen werden, wird gelegentlich auch mit „Größe“ in Verbindung gebracht. Sie gehört also—ganz allgemein gesprochen—zur psycho-sozialen und intellektuellen Verfaßtheit eines Menschen. Würde wird —und hier bin ich bei einem weiteren Eckpfeiler der inhaltlichen Zuordnung—einem Subjekt, und nicht einem Objekt, zuerkannt. Ein Subjekt allein kann Würde für sich in Anspruch nehmen, ein Subjekt verfügt über den so genannten „freien Willen“, dies wiederum ein Begriff, den die meisten von uns, aber sowohl die Rechtsordnungen der zivilisierten Welt als auch die diversen Moral- und Ethiksysteme gut kennen.

     Ein Mensch, dem Würde zugestanden wird, erhält Respekt und Achtung von anderen Menschen, sein Wille wird eben respektiert und nicht bloß bestenfalls zur Kenntnis genommen. Ein Subjekt allein ist in der Lage, dafür Sorge zu tragen, seinen Willen zu deklarieren und dafür Sorge zu tragen, daß er respektiert wird.

     Unter Würde verstehe ich im Zusammenhang damit auch, daß ich mit meinem „freien Willen“ entlang meiner von mir bewußt entworfenen und gesetzten Intentionalität den mir zur Verfügung stehenden Handlungsspielraum souverän gestalten und ihn nach Möglichkeit sogar erweitern kann. Wesentliche Voraussetzung dafür ist allerdings, daß ich möglichst präzise Vorstellungen über die einzelnen Handlungsfelder und meine Rolle/n darin benötige, mir das entsprechende Handwerkszeug aneigne, um meinen Gestaltungswillen gezielt umzusetzen zu können. Was aber, wenn nun im Zentrum meiner Person ein „schwarzes Loch“ existiert, das mich permanent in seinen Bann zieht, ich aber nichts unternehmen kann, um seiner habhaft zu werden,—deshalb ist es dann ja ein solch furchtbar vernichtendes schwarzes Loch—, wenn meine „Willensenergie“ von innen abgesaugt und ausgehöhlt wird und ich im Zentrum meiner Person vollkommen geschwächt bin, außerstande zielgerichtet zu handeln; von den anderen Menschen dann als „schwache“, „willensschwache“, womöglich leicht zu manipulierende Person wahrgenommen werde. (An dieser Stelle gehe ich ganz bewußt nicht darauf ein, daß meines Erachtens auch noch der ärmste und schwächste Mensch im Besitz einer absoluten und unveräußerlichen Würde ist!) Diese Menschen werden mir folglich wohl auch nicht allzu viel an Würde zubilligen, ganz einfach deshalb, weil sie das, was sie wiederum für Würde halten, mit Würde assoziieren nicht in mir, an meinem Verhalten entdeckt zu haben glauben. Dies wird womöglich verstärkt durch das Wissen um die Anonymität, die Gewißheit über ein so fundamentales Defizit des auf diese Weise Geschwächten.

     Und der Anonyme hat keinerlei Chance, dieses Defizit zu beheben, das Ungleichgewicht der Kräfte auszugleichen durch erkennendes Handeln, konkret gesprochen durch Suchen und Finden seiner Ursprungsidentität. Dieser potenzielle Handlungsspielraum ist für den Anonymen von vornherein negativ definiert, er kann ihn niemals zu seinem Terrain machen und somit mit seinem „freien Willen“ gestalten, die „anderen“ (die Gesellschaft und ihre Rechtsordnung) haben eine Grenze gezogen, an der dieser sein nach Erkennen/Erkenntnis drängender „freier Wille“ zwangsläufig abprallt. Jedes Verhalten gegenüber diesem Stacheldrahtzaun bleibt immer eine Notlösung, eine in Not und aus Not getroffene Lösung!

     Das alles mag nun fremd und abgehoben anmuten angesichts eines Bündels Mensch, das um sein Leben brüllt, das offenbar unter keinen Umständen in das Leben seiner leiblichen Mutter, seiner Ursprungsfamilien integrierbar zu sein scheint, das mit seinem Schrei zielgenau all unsere Helfer- und Pflegeinstinkte spontan vitalisiert, unser Herz erreichen will, damit es einfach leben, leben, leben kann.

     Ja, auch ich finde, es ist gut, wenn dieses Kind unser Herz erreicht, wenn es erreicht, daß wir helfen wollen! Aber ist hier die Anonymität sowohl für das Kind und—vergessen wir es nicht— auch für die leibliche Mutter, denn auch sie will doch im Grunde aufgefangen werden und betreut sein, würde alternative, würdigere Lösungen wohl bevorzugen, so sie in der Lage ist, sie überhaupt zu sehen, auch sie bräuchte unsere Herzenswärme, ist hier die totale Anonymität wirklich die richtige Antwort?

Wien, im Sommer 2001

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