Margaretha Rebecca Hopfner

An einem Tag im Advent

 

     Das Treffen in der Adoptionsgruppe hat mir nicht sonderlich gut getan. In der darauffolgenden Nacht lag ich wach bis in die Morgenstunden und im Büro war ich dann unfähig, mich auch nur eine Minute auf meine Arbeit zu konzentrieren. Vielleicht war es die überproportional starke Präsenz von Frauen, die Kinder zur Adoption freigegeben haben, die diese heftigen Emotionen ausgelöst hat. Und doch bin ich gerade auch wegen dieser Frauen zu dieser Gruppe gegangen an diesem Dezemberabend, nicht um sie vor mein "inneres Tribunal" zu stellen ... Ich wollte einfach wissen von jeder einzeln, besser verstehen können, WARUM sie ihr Kind freigab, warum diese Frauen ihre Kinder verlassen mussten. Denn auch ich bin - nach wie vor - verbunden mit jenen beiden Menschen, durch die ich in diese Welt gekommen bin, ob mir das nun gefällt oder nicht gefällt, verbunden auch dann noch, wenn ich keinerlei Kontakte mehr zu ihnen wünsche ... Auch ich bin immer noch auf der Suche nach einem Weg, wie ich mit all den positiven, aber auch negativen Erfahrungen, die mir mein Adoptionsstatus gebracht hat, zurechtkommen kann auf eine Weise, welche die daraus resultierende Schäden minimiert oder aus der Welt schafft und in einer Weise, die mir ein Leben mit einem positiven Welt- und Menschenbild möglich macht. Ich habe dafür noch kein "Rezept" gefunden!

     Freigeben? Ich empfinde immer noch viel stärker das "hergegeben", "abgegeben" worden sein. Wenn wir schon vom "Freigeben" sprechen, dann spüre ich augenblicklich den übermächtigen Wunsch, auch endlich einmal frei von dieser ganzen Geschichte zu sein. Bei allem Verständnis für die schwierige Situation, in der sich meine leibliche Mutter, aber möglicherweise auch mein leiblicher Vater zum Zeitpunkt meiner Schwangerschaft und Geburt befanden, möchte ich frei sein von meinen leiblichen Eltern und ihren wie auch immer gearteten Rechtfertigungen dafür, dass sie mich ganz und gar aus allen natürlichen psychischen und sozialen Zusammenhängen hinausgedrängt haben, frei sein von all den folgenden Erwartungen nach Anpassung und immer wieder Anpassung, die ich im Laufe meines Lebens - trotz wilder Rebellionen - doch immer erfüllt, ja übererfüllt, immer wieder den Vorstellungen anderer Menschen zum Leben verholfen habe. All das, um nur ja geliebt, um bloss nicht mehr verstossen zu werden

     Aus "Rebecca" "Margaretha " werden, ohne dass ich mich daran erinnern könnte. Bregenzerwälderin für dich, Mama. Wie gerne war ich wie du, wie sehr liebte, liebe ich dich immer noch und liebe ich alles, was von dir zu mir gekommen ist. Diese Margaretha bin ich so gerne gewesen, in die schöne Tracht gekleidet, von dir in alle Besonderheiten von Geschichte und Kultur des Bregenzerwaldes von klein an eingewiesen, so ganz und gar eine "Wälderin" sein ... meine Lieblingsrolle. Nach deinem frühen Tod im Nachbarhaus "aufgeklärt" über die "wahren" Hintergründe meiner "Herkunft" war ich ausschließlich angewiesen auf das Wohlwollen von Däda, meinem Vater, und bin für ihn zur Vorzugsschülerin avanciert. Und trotz meiner Anpassungserfolge blieb ich auch in meinem so geliebten Zuhause, meiner Heimat, dem Bregenzerwald, der "Zigeunerbalg", der "Bastard" für so manche aus der Verwandtschaft und wohl auch für einige der Alteingesessenen.
Dann aus Margaretha wieder Rebecca werden müssen, als es in der Maturaklasse plötzlich hiess: "Hopfner, ich kann ihnen die Namen Margaretha Ottilia nicht in das Maturazeugnis schreiben! Ihre Geburtsurkunde lautet auf Rebecca Christin. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nichts von der Existenz der Geburtsnamen, aber für eineinhalb Jahrzehnte habe ich sie dann auch offiziell als meine Vornamen geführt, führen müssen, wollte ich nicht in Schwierigkeiten mit den Behörden kommen. Und dann noch einmal tief, tief in die Rebecca-Existenz zurückgestossen werden, in die Niederungen der Nicht-Existenz, der Wertlosigkeit und der totalen sozialen Bezugslosigkeit, verdichtet durch das Kennenlernen der so genannten "Herkunfts"eltern, durch die von mir so empfundenen Einbrüche meiner leiblichen Verwandten mütterlicher- und väterlicherseits in mein Leben. Natürlich habe ich durch diese Begegnungen auch Antworten auf zentrale - bis dahin mich quälende - Fragen meines Lebens erhalten, aber ich muss an dieser Stelle ganz ehrlich gestehen, ich hätte einfach lieber selber gesucht, in beiden Fällen, denn dann hätte ich den Prozess des Aufeinanderzugehens wesentlich besser an meiner persönlichen Verfassung und Intention ausrichten können.

     Ja, von all dem möchte ich mich frei machen, entlasten, nicht mehr dran denken müssen, keine seelischen Kräfte mehr binden im psychischen und sozialen Überlebenskampf und endlich das angehen in meinem Leben, was ich immer schon auch verwirklichen wollte: Konzentration auf eine geordnete berufliche Karriere, mich umfassend bilden, schreiben ... Und doch weiß ich genau: Niemals werde ich frei sein! Das Damoklesschwert des NEIN zu meinem Leben hängt - trotz der Reunions beziehungsweise auch gerade wegen deren "problematischen" Verlaufs - über mir und ich kann nur hoffen, dass es nicht dieses Schwert ist, das sich eines Tages frei macht und mir den Schädel spaltet ....

     Mein eigenes Leben zu leben? Das ist so fern wie ein Traum, der sich in einer tiefschwarzen Nacht verliert? Und dann bist du da, Mama, und nimmst mich wieder in deine Arme!

Wien, im Sommer 2001

Home 

E-Mail

Language-Tool

©2003

 Impressum